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Londoner Weihnachten: Die Geschichten hinter den Traditionen

Londons Weihnachtsglanz steckt voller jahrhundertealter Geschichten. Wir blicken auf den norwegischen Weihnachtsbaum am Trafalgar Square, sprechen über viktorianische Knallbonbons und bewundern die prachtvollen Schaufenster von Fortnum & Mason. In den nebligen Gassen der Stadt erweckte Charles Dickens einst seine berühmte Weihnachtsgeschichte zum Leben. Hinter all dem Glitzer und den Lichtern verbirgt sich eine Stadt, deren Traditionen aus Geschichte, Kuriositäten und einer ordentlichen Portion Magie gewachsen sind. Erfahren Sie hier mehr über die Hintergründe der Londoner Weihnachtsstimmung.

Culture • History • 10 Min. Lesezeit

Jedes Jahr wundern sich die Londoner: Beginnt Weihnachten nicht immer früher? Und alles, was dazugehört, auch? Man hört dann Beschwerden wie: „Nächstes Jahr hängen sie die Dekorationen schon im Juli auf!“ Oder es wird diskutiert, ob man das Ganze überhaupt noch Weihnachten nennen darf (Spoiler: Ja, darf man). Und erwähnen wir bloß nicht die nachlassende Qualität der ironisch benannten Quality Street Pralinenpackungen. Ob es den Londonern passt oder nicht: Jedes Jahr legt eine bald vergessene Berühmtheit einen Schalter um und taucht die Stadt in Weihnachtsstimmung. Dazu gehören LED-Schneeflocken, beißende Kälte, Möhren und Pastinaken plötzlich ganz vorne in den Gemüseregalen – und die jährliche Rückkehr von Mariah Carey, scheinbar vom ersten Frost herbeigerufen.


Für Besucher hat London im Winter jedoch einen ganz besonderen Reiz. Diesen entdeckt man allerdings nur, wenn man nicht gerade zur Hauptverkehrszeit durch den Oxford Circus muss. Die Weihnachtsmärkte erwachen zum Leben, das West End erstrahlt, und die ganze Stadt stürzt sich – manchmal etwas zu enthusiastisch – ins festliche Spektakel. Doch unter all dem Glitzer verbirgt sich etwas viel Älteres, Fremderes und typisch Londonerisches: die historischen Eigenheiten und glücklichen Zufälle, die unser modernes Weihnachtsfest geprägt haben. Solche Anekdoten erzählen unsere Guides auf ihren Touren besonders gern.


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Machen Sie es sich gemütlich am Kamin und setzen Sie sich Ihre lila Papierkrone auf! Die Weihnachtszeit in London ist viel mehr als nur glitzernde Schaufenster und festlich beleuchtete Straßen. Sie ist ein bunter Flickenteppich aus Geschichten, Bräuchen und ungewöhnlichen Traditionen, die sich über Jahrhunderte in der Stadt angesammelt haben. Einige wurden importiert, andere entstanden hier vor Ort – und bei mindestens einer gab es sogar eine kleine, kontrollierte Explosion.


Der Weihnachtsbaum am Trafalgar Square


Der Weihnachtsbaum am Trafalgar Square ist eines der bekanntesten Weihnachtssymbole Londons und steht an einem der berühmtesten Plätze der Stadt. Er ist dort vom 4. Dezember bis zum 5. Januar zu sehen. Dieses Jahr jährt sich diese Tradition zum 79. Mal.


Die norwegische Fichte stammt, wie der Name schon sagt, aus Norwegen. Doch die Geschichte dahinter könnte Sie überraschen: Der Baum ist ein Geschenk des norwegischen Volkes. Er ist ein Zeichen des Dankes für die britische Unterstützung während des Zweiten Weltkriegs. Während der Besetzung Norwegens durch die Nationalsozialisten lebten König Haakon VII. und seine Regierung im Londoner Exil. Der Monarch wohnte zunächst bei König Georg VI. – in einem kleinen Ort namens Buckingham Palace. Später zog er weiter westlich nach Kensington. Haakon hielt zahlreiche Radioansprachen aus der norwegischen St.-Olav-Kirche in Rotherhithe. Dort besuchten er und seine Familie regelmäßig Gottesdienste. Am Ende des Krieges brachte ihn ein britisches Schlachtschiff sicher nach Hause. Der Baum ist somit ein Symbol der engen Freundschaft und starken Verbundenheit zwischen den beiden Nationen.


Obwohl der Weihnachtsbaum in Großbritannien erst Mitte des 19. Jahrhunderts populär wurde, war er tatsächlich ein deutscher Import. Königin Victoria und ihr Mann Prinz Albert – selbst deutscher Abstammung – ließen sich bekanntlich mit ihrem Baum auf Windsor Castle fotografieren. Die Öffentlichkeit war schnell überzeugt: Was für die Royals gut genug war, musste auch für sie selbst passen. Die Idee verbreitete sich rasch, und bald darauf schmückte eine Fichte jedes angesehene Wohnzimmer.


Der Baum am Trafalgar Square ist also keine uralte britische Tradition, sondern eine Geschichte voller Facetten. Er vereint deutsche Wurzeln, viktorianische Begeisterung, norwegische Dankbarkeit und ein modernes Londoner Spektakel – ein echtes Symbol festlicher Diplomatie. 1947 brauchte der allererste Nachkriegsbaum sogar eine Sondergenehmigung des Energieministeriums, um überhaupt leuchten zu dürfen. Der Grund war die strenge Stromrationierung. Dieses Jahr sind die Lichter zum Glück mehr als garantiert. Am 4. Dezember um 17:00 Uhr werden sie feierlich eingeschaltet.


Wo findet man die schönsten Weihnachtsbäume? Natürlich am Trafalgar Square! Aber auch an vielen anderen Orten in London stehen beeindruckende Exemplare, zum Beispiel am Covent Garden Piazza und vor der Royal Exchange.


Der Christmas Cracker


Am 25. Dezember knallt es in britischen Haushalten – und das liegt nicht nur am traditionellen Rosenkohl! Jedes Jahr kaufen die Briten rund 150 Millionen dieser verzierten und explosiven Pappröhren. Man zieht sie zu zweit auseinander. Dabei erscheinen eine kleine Rauchwolke, ein meist schlechter Witz und manchmal ein Miniaturrätsel oder – aus unerfindlichen Gründen – sogar eine Nagelschere. Doch woher stammt diese seltsame Tradition eigentlich?


Wir sind in London, und natürlich wieder einmal im viktorianischen Zeitalter (Königin Victoria regierte von 1837 bis 1901). In den 1850er Jahren brachte der Konditor Tom Smith aus Clerkenwell, inspiriert von einer Parisreise, das Bonbon auf den britischen Markt. Damals war das eine in Seidenpapier gewickelte Zuckermandel. Smiths Idee entwickelte sich in den folgenden Jahren weiter: Er ersetzte die Mandel durch Spielzeug und kleine Geschenke. Dann fügte Smith das typische „Knallen“ hinzu. Dazu setzte er einen schmalen Streifen mit einer winzigen Menge Schießpulver ein. Wenn zwei Personen den Cracker auseinanderziehen, entzündet die Reibung den Streifen. So entsteht das befriedigende (oder manchmal erschreckende) Knallgeräusch.


Weihnachtscracker enthalten auch die obligatorische Papierkrone. Familienmitglieder im ganzen Land tragen diese oft widerwillig. Das hat vielleicht seine Wurzeln in älteren Volksbräuchen wie dem Dreikönigstag. Es gehört zu einer größeren kulturellen Tradition, bei der für einen Tag die Hierarchie auf den Kopf gestellt wird und der Narr kurzzeitig zum König aufsteigt. Apropos Könige: Die Firma Tom Smith Crackers existiert noch. Zu ihren vielen Kunden zählt kein Geringerer als König Charles III. selbst. Das Unternehmen erhielt 1906 erstmals einen königlichen Hoflieferanten-Titel und besitzt ihn bis heute. Wenn Sie jedoch einen Londoner Supermarkt betreten, sehen Sie sofort Kisten voller Weihnachtscracker von Eigenmarken. Die sind schneller im Einkaufswagen, als man "Knall" sagen kann!


Wo Sie sie finden? Fast überall! Die meisten Geschäfte verkaufen Christmas Cracker. Die Auswahl reicht von teuren Sets in Kaufhäusern wie Harrods bis zu günstigeren, bunteren Varianten bei Tesco. Und wenn Sie in der Weihnachtszeit in einem Pub essen gehen, werden Sie sie wahrscheinlich auch dort auf dem Tisch entdecken.


Die Weihnachtsschaufenster von Fortnum & Mason


Auch wenn Einkaufen nicht im Mittelpunkt von Jesu Botschaft stand, prägt es Weihnachten heute doch maßgeblich. Die Briten geben jährlich fast 30 Milliarden Pfund für Geschenke aus! Ob man es gutheißt oder nicht: Weihnachten und Konsum gehen Hand in Hand. Der Einzelhandel nutzt diese Saison, um sich mit thematischen Auslagen und Dekorationen so richtig ins Zeug zu legen. Und kaum etwas ist dabei ikonischer als das Luxuskaufhaus Fortnum & Mason mit seinen berühmten Weihnachtsschaufenstern.


Fortnum & Mason wurde 1707 gegründet und begann als Lebensmittelgeschäft. Übrigens behaupten sie, das Scotch Egg erfunden zu haben! Später erweiterten sie ihr Sortiment um eine breitere Auswahl an Luxusgütern. Ähnlich wie die Cracker-Firma Tom Smith besitzen sie einen "Royal Warrant" – eine königliche Auszeichnung. Deshalb sehen Sie über dem Haupteingang einen Löwen und ein Einhorn. Das sind die Symbole Englands und Schottlands aus dem königlichen Wappen. Wenn Sie diese beiden Wappentiere an einem Ladenportal entdecken, wissen Sie: Dieses Geschäft hat eine offizielle königliche Anerkennung erhalten.


Fortnum & Mason ist seit Langem untrennbar mit Weihnachten verbunden. Hören Sie mal, was Charles Dickens in einem Artikel schrieb, der am Weihnachtstag 1845 veröffentlicht wurde: „Fortnum and Mason am Piccadilly ist immer ein wunderschönes und erstaunliches Geschäft, gefüllt mit den kulinarischen Genüssen der ganzen Welt. Gestern war es ein wahrer Märchenpalast, ein Prinz-Prettyman-Paradies aus Bonbons, französischen Pflaumen und Gerstenzucker. Viele, viele junge Leute werden morgen früh krank sein, wenn die Hälfte der gestern verkauften Süßigkeiten heute noch verschlungen wird.“


Jedes Jahr ab Oktober bereiten zahlreiche Mitarbeiter wie Weihnachtselfen die berühmten Schaufensterdekorationen vor. Die Präsentation dieser Dekorationen sorgt jedes Mal für großes Medienecho. Dieses Jahr sehen wir Einhörner, Narwale und fleißige Feldmäuse vor einer Kulisse aus Schnee, Kiefern und Feuerwerk. Einige Elemente der Ausstellung bewegen sich sogar: Schneeflocken drehen sich, Schiffe segeln durch stürmische Meere, und Mäuse fahren auf kleinen Kränen, um Weihnachtskerzen anzuzünden.


Manche Schaufenster bei Fortnum & Mason erzählen sogar von Londons festlicher Geschichte. Nehmen wir zum Beispiel die Schaufenster von 2014: Sie waren den Frost Fayres gewidmet, den lebhaften Wintermärkten, die einst auf der gefrorenen Themse stattfanden (hauptsächlich vom 17. bis 19. Jahrhundert, der letzte im Jahr 1814). Der Fluss wird so schnell nicht mehr zufrieren. Doch wer sich heute wirklich weihnachtlich fühlen möchte, findet in den Schaufenstern von Fortnum & Mason eine der verlässlichsten Quellen für festliche Stimmung in London.


Wir starten bei Fortnum & Mason in der Piccadilly 181. Besonders schön sind die Schaufenster hier, wenn es dunkel wird. Auch Annabel’s, das Spielwarengeschäft Hamleys und Cartier haben beeindruckende Auslagen, die einen Besuch wert sind.


Eine Weihnachtsgeschichte


Im Winter 1843 steckten Charles Dickens und seine Familie in großen Schwierigkeiten. Sein jüngster Roman, 'Martin Chuzzlewit', verkaufte sich schlecht. Außerdem erwartete seine Frau Catherine ihr fünftes Kind. Doch dann geschah etwas Bemerkenswertes: In nur sechs Wochen schrieb er A Christmas Carol. Damit veränderte er Weihnachten – seine Traditionen und Atmosphäre – für immer. Das Buch ist eine eindringliche Mahnung gegen den Geiz. Die Geister der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht zeigen der Hauptfigur, dem alten Geschäftsmann Ebenezer Scrooge, die fatalen Folgen seines egoistischen Verhaltens. Sie enthüllen ihm auch die eklatante Ungleichheit des viktorianischen Englands. Dickens wanderte meilenweit durch die winterlichen Londoner Nächte, um die Handlung zu verfeinern. Dabei kam er an Slums, Schuldgefängnissen und Armenhäusern vorbei. All dies bestärkte die moralische Botschaft des Buches. Laut seiner Schwägerin war Dickens beim Schreiben so inspiriert, dass er „weinte, lachte und wieder weinte und sich auf außergewöhnliche Weise hineinsteigerte“.


Dickens erfand seine Szenen nicht einfach. Er kannte London in- und auswendig. A Christmas Carol fängt die düstere Atmosphäre des viktorianischen London perfekt ein. Ob die Kontore in Cornhill, die Geflügelgeschäfte am Leadenhall Market, die Armenhäuser in Camden und Holborn oder die nebelverhangenen Gassen der City – all das finden wir in seiner Geschichte wieder. Deshalb schlug A Christmas Carol auch so ein. Es war nicht nur eine Weihnachtsgeschichte, sondern ein Spiegel der moralischen Verfassung Londons. Sie forderte die reichsten Bewohner auf, die Menschen zu bemerken, die sie auf ihrem Heimweg sonst ignorierten.


Die erste Auflage des Buches war binnen eines Tages vergriffen. Schon nach wenigen Wochen folgten unautorisierte Theaterproduktionen, die Spendenbereitschaft nahm zu und der Ausdruck „Merry Christmas“ war plötzlich in aller Munde – obwohl er schon Jahrhunderte zuvor belegt war. A Christmas Carol ist bis heute ein fester Bestandteil der Weihnachtszeit. Wir kennen es von der Bühne oder aus dem Fernsehen in seinen vielen Adaptionen. Dabei wissen wir natürlich alle: „Die Muppets Weihnachtsgeschichte“ bleibt die einzig wahre Version. 


Dickens' London ist glücklicherweise nicht verschwunden. Wir können es durchwandern und darüber sprechen. Doch erwarten Sie kein weißes Weihnachtsfest im Dickens-Stil, wenn Sie durch die Straßen gehen: In der Stadt hat es seit 1999 am 25. Dezember nicht mehr geschneit.




Wohin es geht: Bummeln Sie durch die engen Gassen rund um Cornhill. Entdecken Sie die viktorianische Pracht des Leadenhall Market. Oder besuchen Sie das ausgezeichnete Dickens Museum in Bloomsbury, das sich im ehemaligen Wohnhaus des Autors befindet. Auf unserer City of London tour tauchen Sie tief in das London von Dickens ein. Am Ende verraten wir Ihnen vielleicht sogar einen gemütlichen Pub für einen Glühwein.


Und zum Schluss…


Wussten Sie, dass Weihnachten in London Mitte des 17. Jahrhunderts praktisch abgeschafft wurde? Ein puritanisch dominiertes Parlament erklärte 1647, dass Weihnachten in England „nicht länger gefeiert werden“ sollte. Es galt als viel zu extravagant und viel zu vergnüglich. Wenn Sie also dieses Jahr Weihnachten in London genießen - die Lichter, die Bäume, die Märkte, unsere Touren und sogar Mariahs jährliche Rückkehr - denken Sie an diejenigen, die diese Zeit erlebten, als das Feiern offiziell verboten war.

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