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Die Faszination Jack the Ripper

Auch über ein Jahrhundert nach den Morden von Whitechapel ist Jack the Ripper noch immer weltberühmt. Aber wie konnte ein lokaler Kriminalfall eine solche weltweite Faszination auslösen?

Tours • 9 Min. Lesezeit

Inhaltshinweis: Dieser Artikel behandelt die Whitechapel-Morde von 1888. Wir verzichten auf drastische Beschreibungen. Dennoch sprechen wir über Gewalt, Armut, Alkoholismus und die harten Lebensbedingungen vieler Frauen im viktorianischen London.


Warum fasziniert uns Jack the Ripper noch immer?

Neu für 2026: Auf unserer Tour The Jack the Ripper Obsession: A Social History of London’s East End sprechen wir nicht nur über die Morde von 1888. Wir schauen uns auch an, wie diese Taten zu einem der größten kulturellen Phänomene der modernen Welt wurden.

Die Morde, die Jack the Ripper zugeschrieben werden, passierten in nur zehn Wochen - zwischen dem 31. August und dem 9. November 1888. Trotzdem kennt fast 140 Jahre später die ganze Welt seinen Namen. Bücher, Filme, Podcasts, Dokus und Stadtführungen greifen den Fall immer wieder auf. Gleichzeitig rätseln Historiker, Journalisten, Forensiker und Hobbydetektive bis heute, wer der Täter wirklich war.

Doch die spannendste Frage ist vielleicht gar nicht, wer Jack the Ripper war. Sondern warum wir überhaupt noch über ihn sprechen.

Die vergessenen Morde vom Ratcliffe Highway

Im Dezember 1811 wurden zwei Haushalte am Ratcliffe Highway (heute Teil von The Highway in Wapping) brutal überfallen. Sieben Menschen starben, darunter Männer, Frauen und Kinder. Die Taten versetzten ganz London in Angst und Schrecken. Der Verdächtige John Williams wurde verhaftet, starb aber noch vor dem Prozess. Damals zählten die Morde am Ratcliffe Highway zu den berüchtigtsten Verbrechen der britischen Geschichte.

Heute haben nur noch die wenigsten davon gehört. Jack the Ripper hingegen kennt fast jeder - selbst Leute, die noch nie in London waren.

Dieser Unterschied liegt nicht am Ausmaß der Verbrechen. Die Morde am Ratcliffe Highway forderten mehr Opfer als die fünf Frauen, die meist mit Jack the Ripper in Verbindung gebracht werden. Zudem fanden die Menschen damals beide Fälle gleichermaßen schockierend und beispiellos.

Ein Teil der Antwort liegt im Wandel Großbritanniens im 19. Jahrhundert. Zwischen 1811 und 1888 lernten immer mehr Menschen lesen und schreiben. Zeitungen wurden billiger und leichter verfügbar, während die Stadtbevölkerung rasant wuchs. Bis 1888 gab es in London etwa fünfzehn Tageszeitungen, die hart um ihre Leser kämpften. Kriminalberichte bestanden nicht mehr nur aus trockenen Gerichtsakten und Flugblättern. Sie waren zur Massenunterhaltung geworden.

Die Whitechapel-Morde passierten genau zu dem Zeitpunkt, als die modernen Medien entstanden.


Blick nach Osten: Armut als Spektakel

Zudem fanden die Morde in einem Teil Londons statt, der die Viktorianer ohnehin schon faszinierte.

1888 war London die reichste Stadt der Welt. Als Hauptstadt eines riesigen Imperiums gab es hier unvorstellbaren Reichtum - doch der war extrem ungleich verteilt. Während das West End von Stadtplanung und viel Geld profitierte, wuchs das East End rasant und völlig unkontrolliert. Es wurde schnell zum Synonym für Armut, Überbevölkerung und Kriminalität.

Das East End war außerdem viel bunter, als viele heute denken. Hugenottische Seidenweber, irische Arbeiter und jüdische Flüchtlinge prägten das Viertel. Allein zwischen 1881 und 1914 wuchs die jüdische Bevölkerung Londons um rund 100.000 Menschen. Viele von ihnen fanden in Whitechapel und Spitalfields ein neues Zuhause.

Die Menschen hier waren ständig in Bewegung. In Whitechapel gab es rund 231 Massenunterkünfte mit Schlafplätzen für etwa 8.300 Menschen. Viele lebten von der Hand in den Mund und mieteten ihr Bett nur für eine einzige Nacht. Allein in einer Unterkunft in der Flower and Dean Street drängten sich rund 100 Personen. Dieses Elend zog bald Journalisten, Sozialreformer und neugierige Besucher aus dem reichen Teil Londons an.

Das sogenannte „Slumming“ kam in Mode. Wohlhabende Londoner reisten in den Osten, um sich das Elend mit eigenen Augen anzusehen. Einige wollten wirklich helfen und soziale Reformen anstoßen. Andere kamen aus reiner Neugier oder suchten einfach nur Unterhaltung. Berichten zufolge spazierten diese Besucher durch Whitechapel und begafften die Unterkünfte und Märkte. Manche mieteten sich sogar Zimmer über den belebten Straßen, um das Treiben bequem von oben zu beobachten.

Schon lange vor den Morden war das East End also eine Art Spektakel. Die Whitechapel-Morde heizten diese Faszination dann massiv an. Noch während der Täter wütete, reisten Schaulustige an, um die Tatorte zu sehen. Verleger druckten in Windeseile Flugblätter und Bücher. Es soll in der Gegend sogar eine Schaubude mit Wachsfiguren der Opfer gegeben haben. Der moderne True-Crime-Tourismus war geboren.


Jack the Ripper gab sich seinen Namen selbst... Oder etwa nicht?

Eines der verrücktesten Details an diesem Fall: Der Mörder nannte sich wahrscheinlich nie selbst Jack the Ripper.

Nach den Morden an Polly Nichols und Annie Chapman ging in London die nackte Angst um. Die Zeitungen lieferten sich einen erbitterten Kampf um exklusive Infos und reißerische Details. Am 27. September 1888 landete ein Brief bei der Central News Agency. Dieses Schreiben, heute als „Dear Boss“-Brief bekannt, trug die Unterschrift:

„Ihr ergebener, Jack the Ripper.“

Das war das erste Mal, dass dieser Name auftauchte. Die Polizei veröffentlichte den Brief in der Hoffnung auf Hinweise. Kurz darauf folgte die berühmte „Saucy Jacky“-Postkarte. Die Wirkung war enorm: Plötzlich hatte der Mörder eine Identität. Aus dem unbekannten Täter von Whitechapel wurde „Jack the Ripper“ - ein Name, der bald um die ganze Welt gehen sollte.

Vieles spricht allerdings für eine Fälschung. 1931 behaupteten die Journalisten Frederick Best und Tom Bullen, die Nachricht selbst geschrieben zu haben - ein PR-Gag, um die Story in den Zeitungen zu halten. Ob das die ganze Wahrheit ist, wissen wir nicht. Die meisten Historiker gehen heute jedoch davon aus, dass der „Dear Boss“-Brief nicht vom wahren Mörder stammt.

Dennoch ist seine Wirkung unbestreitbar. Der Brief machte aus einer reinen Polizeiermittlung eine packende Story. Er gab der Öffentlichkeit einen Bösewicht, einen Namen und erschuf einen Mythos.

Während der „Dear Boss“-Brief die Legende erschuf, trieb eine weitere Nachricht sie auf die Spitze. Am 15. Oktober 1888 bekam George Lusk, der Vorsitzende des Whitechapel Vigilance Committee, ein Paket. Darin lagen eine halbe Niere und eine Notiz, die so begann:

„From hell.“

Anders als die früheren Briefe ging diese Nachricht nicht an eine Zeitung, sondern direkt an eine prominente Figur der Ermittlungen. Der Text war kürzer, derber und viel verstörender als der theatralische „Dear Boss“-Brief. Wer ihn geschrieben hat, ist bis heute ein Rätsel.

Einige Historiker halten auch diesen Brief für eine Fälschung. Andere glauben, der Autor müsse anatomische Kenntnisse gehabt haben. Eine klare Antwort gibt es nicht. Entscheidend ist aber: Tausende Menschen hielten ihn für echt.

Zu diesem Zeitpunkt waren die Morde längst mehr als nur ein Polizeifall. Zeitungen stürzten sich auf jedes Detail, Gerüchte verbreiteten sich wie ein Lauffeuer und Hobbydetektive stellten eigene Theorien auf. Anwohner organisierten über das Whitechapel Vigilance Committee Bürgerpatrouillen. Angst, Spekulationen und der Medienhype befeuerten sich gegenseitig. Ein Kreislauf, der jedem bekannt vorkommen dürfte, der heute einen großen Kriminalfall verfolgt.


Die Geburtsstunde des modernen True Crime

Im Herbst 1888 war etwas völlig Neues passiert. Die Morde waren nicht länger nur eine reine Ermittlungssache, sondern ein öffentliches Drama. Zeitungen, anonyme Briefeschreiber, Hobbydetektive, politische Gruppen und Tausende einfache Londoner verfolgten die Ereignisse fast in Echtzeit.

Viele Elemente unserer heutigen True-Crime-Kultur gab es schon damals: einen unbekannten Täter, endlose Gerüchte und Theorien, angebliche Insider-Infos, reißerische Medienberichte und eine faszinierte Öffentlichkeit. Aber das Wichtigste: Der Fall wurde nie gelöst.

Genau diese Ungewissheit erklärt, warum der Fall uns bis heute beschäftigt. Normalerweise verschwinden Morde irgendwann aus den Schlagzeilen. Jemand wird verhaftet, es gibt einen Prozess, und die Welt schaut wieder woanders hin. Bei den Whitechapel-Morden fehlte dieser Schlussstrich. Der Täter blieb ein Phantom, niemand wurde verurteilt, und das Rätsel ist bis heute ungelöst.

Die Parallelen zu heutigen True-Crime-Hits sind unübersehbar. Was damals die viktorianischen Zeitungen füllte, fesselt uns noch heute. Ob Bestseller, Podcasts oder Dokus wie „The Staircase“: Wir lieben Fälle ohne klare Lösung. Die Hoffnung, ein altes Rätsel doch noch zu knacken, lässt uns einfach nicht los.


Ripperologie und die Suche nach der Wahrheit

Heute nennen wir die Erforschung dieser Morde oft „Ripperologie“. Über mögliche Verdächtige wurden Tausende Artikel und weit über hundert Sachbücher geschrieben. Dazu kommen mindestens 25 bekannte Verfilmungen, die bis in die Stummfilmzeit zurückreichen.

Die Jagd nach Jack the Ripper ist längst eine eigene Geschichte. 2002 veröffentlichte die Krimiautorin Patricia Cornwell das Buch „Portrait of a Killer: Jack the Ripper - Case Closed“. Darin machte sie den Künstler Walter Sickert als Täter aus. Cornwell gab angeblich Millionen aus, kaufte Kunstwerke und beauftragte forensische Analysen, um ihre Theorie zu beweisen. Ihre Ergebnisse sind bis heute umstritten. Aber das Beispiel zeigt, wie viel Aufwand Menschen betreiben, um den Täter endlich zu entlarven.

Und die Suche geht weiter. Erst 2025 gingen Schlagzeilen um die Welt, dass DNA-Spuren auf einem Schal den Täter endgültig überführt hätten: Aaron Kosminski, ein langjähriger Verdächtiger. Solche Sensationsmeldungen gab es im letzten Jahrhundert immer wieder. Doch in der Fachwelt ist man sich bei keinem Verdächtigen einig. Auch an der Herkunft des Schals und der DNA-Analyse gibt es massive Zweifel. Dass sich solche Theorien so hartnäckig halten, beweist vor allem eins: Das öffentliche Interesse an einer Aufklärung ist ungebrochen.


Mehr als nur der Täter

In den letzten Jahren hat sich der Fokus jedoch verschoben. Wir schauen heute weniger auf die Verdächtigen und viel mehr auf die Frauen selbst.

Autorinnen wie Hallie Rubenhold haben diese Frauen wieder sichtbar gemacht, nachdem sie lange im Schatten des Täters standen. Polly Nichols, Annie Chapman, Elizabeth Stride, Catherine Eddowes und Mary Jane Kelly waren nicht einfach nur Opfer. Sie waren Töchter, Ehefrauen, Mütter, Arbeiterinnen und Migrantinnen. Ihre Lebensgeschichten erzählen uns viel über Armut, Wohnverhältnisse, harte Arbeit, Fürsorge und die Gesellschaft im viktorianischen Großbritannien.

Dieser neue Blickwinkel räumt auch mit hartnäckigen Mythen auf. Keine der fünf Frauen wurde in Whitechapel geboren. Und nur eine von ihnen - Mary Jane Kelly - war nachweislich als Sexarbeiterin tätig. Dennoch wurden alle fünf oft auf genau dieses Stereotyp reduziert, das der Wahrheit einfach nicht standhält.

Warum kennt die ganze Welt den Namen „Jack the Ripper“, aber kaum jemand die Namen der Frauen? Das liegt zum einen an unserer Faszination für das Unbekannte. Es liegt aber auch daran, wie die Morde damals in den Medien dargestellt und vermarktet wurden. Über ein Jahrhundert lang drehte sich alles fast ausschließlich um die Identität des Mörders.

Heute stellen wir endlich andere Fragen, und unsere Tour ist Teil dieses Wandels. Für uns sind diese Frauen keine bloßen Randnotizen in der Geschichte eines berühmten Serienkillers. Wir stellen ihr Leben in den Mittelpunkt. Wir sprechen nicht nur über ihren Tod, sondern schauen uns an, aus welchen Familien sie stammten und welcher Arbeit sie nachgingen. Wir beleuchten ihr Umfeld und die harten sozialen Bedingungen, die ihren Alltag bestimmten.

Die Geschichte von Jack the Ripper ist letztlich viel mehr als die Jagd nach einem unbekannten Mörder. Es ist eine Geschichte über das viktorianische London, das East End und die modernen Medien. Vor allem aber ist es die Geschichte von fünf Frauen, deren Leben über Generationen hinweg von einem der größten Kriminalrätsel der Geschichte überschattet wurde.

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