Holocaust-Mahnmal Berlin: Gedenken an den Völkermord an den Juden
Das 2005 eröffnete Holocaust-Mahnmal - auf 19.000 Quadratmetern erinnern über 2.700 Betonstelen an die Opfer der Shoah.
Practical Tips • History • 6 Min. Lesezeit
„Für die Toten und die Lebenden müssen wir Zeugnis ablegen.“ (Elie Wiesel)
Ein riesiges Feld aus Betonblöcken
Nur einen kurzen Fußweg südlich der berühmtesten Sehenswürdigkeiten Berlins - dem Reichstagsgebäude und dem Brandenburger Tor - entdecken wir einen ungewöhnlichen Ort. Vor uns liegt eine 19.000 Quadratmeter große Fläche, bedeckt mit Tausenden von... Betonblöcken! Es sind genau genommen über 2.700 sogenannte „Stelen“. Sie sind unterschiedlich hoch - von wenigen Zentimetern bis zu fünf Metern -, aber alle gleich breit (knapp ein Meter) und lang (über zwei Meter). Doch wofür stehen sie? Und was hat es mit diesem Ort auf sich?
Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Fot. Tomek Darda
Denkmal für die ermordeten Juden Europas (oder Holocaust-Mahnmal)
Der amerikanische Architekt Peter Eisenman entwarf diese Gedenkstätte, die 2005 eröffnet wurde. Sie ist einem der größten Verbrechen der Geschichte gewidmet: dem Holocaust oder der Shoah. Der Ort erinnert an die Ermordung von rund sechs Millionen Juden in Europa während des Zweiten Weltkriegs. Die Haupttäter, die diesen Völkermord planten, lebten und agierten in und um Berlin. Der Reichstag war ihr politisches und ideologisches Zentrum. Doch die Idee der systematischen Vernichtung entstand an einem anderen Ort...
Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Fot. Tomek Darda
Wannsee und die „Endlösung“
Wannsee ist eine wunderschöne Gegend am Rande Berlins. Im 20. Jahrhundert entstand hier eine luxuriöse Villenkolonie mit einer großen jüdischen Gemeinde. Doch der Name wurde auch zum Synonym für die sogenannte „Endlösung“ der „Judenfrage“. In einer der enteigneten Villen trafen sich hochrangige NS-Funktionäre, um die Vernichtung der Juden im Detail zu planen. Heute beherbergt diese Wannsee-Villa eine Ausstellung über den Holocaust. Nur wenige Monate nach der Wannsee-Konferenz nahmen im besetzten Polen die ersten Vernichtungslager der Geschichte ihren Betrieb auf. Das war der Beginn des industrialisierten Massenmords.
Jüdische Kinder, gefangen in Auschwitz (1945)
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Massenmorde schon viel früher begannen. Fast ebenso viele Juden wurden von den Nationalsozialisten und ihren Kollaborateuren erschossen, ausgehungert oder durch Zwangsarbeit getötet („Vernichtung durch Arbeit“), wie später in den Gaskammern der Vernichtungslager (wie Auschwitz-Birkenau, Bełżec oder Treblinka) ermordet wurden. Die meisten dieser Gräueltaten verübten die Nationalsozialisten in Osteuropa.
Terminologie: Holocaust oder Shoa?
Das Wort „Holocaust“ wurde erst in den 1970er Jahren durch eine amerikanische Fernsehserie wirklich bekannt. Der Begriff stammt vom griechischen ὁλόκαυστος (holokostos) ab, was „vollständig verbrannt“ bedeutet. Er bezieht sich darauf, wie die Nationalsozialisten die Leichen ihrer Opfer in den Lagern beseitigten: Sie verbrannten sie in Gruben, auf Scheiterhaufen oder in den Öfen der Krematorien. Das jüdische Volk verwendet jedoch von Anfang an meist einen anderen Begriff: „Shoah“. Das ist ein biblisches, hebräisches Wort und bedeutet „die Katastrophe“.
Das Holocaust-Mahnmal in Berlin
Kommen wir zurück ins heutige Berlin. Das Holocaust-Mahnmal hier in der Cora-Berliner-Straße 1 wurde in den Jahren 2003-2004 erbaut und 2005, pünktlich zum 60. Jahrestag des Kriegsendes, für die Öffentlichkeit eröffnet. Die Idee, der Holocaust-Opfer auf diese Weise zu gedenken, kam in Berlin erst in den späten 1980er Jahren auf. Dank privater Spendenaktionen und späterer staatlicher Unterstützung war das nötige Geld schnell beisammen. Dennoch folgten rund zehn Jahre intensiver öffentlicher Diskussionen, bis der endgültige Entwurf genehmigt wurde. Der Bundeskanzler begleitete den Prozess persönlich und schaltete sich sogar mehrmals ein. Die eigentliche Umsetzung dauerte dann noch einmal fünf bis sechs Jahre. Wie viele Kunstwerke zu derart sensiblen Themen sorgte auch das Berliner Holocaust-Mahnmal sofort für Kontroversen.
Interpretationen
Der Architekt Peter Eisenman, ein bekannter Dekonstruktivist aus New York, lieferte selbst kaum Beschreibungen oder Interpretationen zu seinem Werk. Er machte jedoch unmissverständlich klar, dass er das Denkmal nicht mit expliziten Botschaften überladen wollte. Ein Beispiel: In der antiken Architektur wurden sogenannte „Stelen“ (Steinblöcke) zur Totenehrung verwendet und trugen meist Inschriften. Eisenman entschied sich hier jedoch ganz bewusst für eine gewisse Anonymität. Er ließ das Mahnmal komplett ohne Namen*.
* siehe den Abschnitt "Ort der Information" unten
Das Mahnmal. Foto: Tomek Darda
Normalerweise passen Architekten ihre Werke an die Umgebung an. Peter Eisenman wählte hier bewusst einen anderen Weg. Sein Entwurf sollte völlig losgelöst vom historischen Kontext stehen. Genau das sorgte in Berlin für Kontroversen: Manchen war das Mahnmal zu abstrakt und zu vereinfachend. Wir finden hier keinerlei historische Informationen wie Namen, Inschriften oder Symbole. Dennoch hinterlässt das riesige Feld aus Tausenden grauen Betonblöcken mitten in der Hauptstadt einen gewaltigen Eindruck. Allein die schiere Größe lässt uns innehalten. Das Denkmal wirkt durch sein Gesamtbild - durch Lage, Dimension, Form und Farbe. Es vermittelt eine Botschaft , die jeder durch eigene Reflexion für sich selbst entschlüsseln muss.
Viele Besucher assoziieren den Ort mit einem Friedhof, auf dem die Betonblöcke an Särge erinnern. Unweigerlich kommen uns die Vernichtungslager der Nationalsozialisten in den Sinn. Die exakte Anordnung der Stelen in einem Raster lässt viele an Ordnung denken. Sie zeigt, wie systematisch und organisiert dieser monströse Plan der Vernichtung umgesetzt wurde. Gleichzeitig erzeugt das abschüssige Gelände eine wellenartige Optik. Das sorgt für ein Gefühl von Unruhe, Verunsicherung und Angst. Das Labyrinth der gepflasterten Wege kann zudem Verwirrung, Orientierungslosigkeit oder Verlust auslösen - Gefühle, die die jüdischen Opfer oft durchleiden mussten.
Stehen und Springen verboten! Sitzen ist erlaubt
Bitte denken Sie daran, dass es NICHT erlaubt ist, auf den Stelen zu stehen oder zu springen. Sitzen ist jedoch gestattet. Wer diese Regel vergisst, wird vom Sicherheitspersonal schnell und bestimmt daran erinnert.
Gruppen bei der Besichtigung des Mahnmals. Foto: Tomek Darda.
Todesstreifen zwischen Ost und West
Auch der Standort ist besonders: Wir stehen hier auf einem Grundstück genau zwischen dem ehemaligen Ost- und West-Berlin. Nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Ende des Kalten Krieges war dieses Areal als "Todesstreifen" bekannt. Genau hier verlief die berüchtigte Berliner Mauer, die Europa in "Ost" und "West" teilte.
„Ort der Information“
Viele wissen nicht, dass das Denkmal auch einen unterirdischen Teil hat: den sogenannten „Ort der Information“. Hier sind die Namen von rund drei Millionen jüdischen Holocaust-Opfern dokumentiert. Der Eingang liegt in der südöstlichen Ecke des Geländes. Interessanterweise war der Architekt Peter Eisenman ursprünglich gegen diese Idee. Er wollte ganz auf Texte verzichten, da es in Europa schon genug Orte gebe, an denen man über den Holocaust lesen könne. Ihm fehlte vielmehr ein Ort, der einfach nur zum Nachdenken anregt.
Möchten Sie das Denkmal besuchen und mehr über seine Geschichte erfahren? Dann begleiten Sie uns auf unserer Tour Welcome to Berlin. Sie können direkt hier buchen.
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