Ihr freundlicher Wegweiser zu den Bräuchen und Besonderheiten der polnischen Weihnacht.
Ein kleiner Leitfaden für polnische Weihnachtstraditionen - von den 12 Gerichten an Heiligabend bis zu besonderen lokalen Bräuchen.
Culture • Practical Tips • 10 Min. Lesezeit
Es ist wieder so weit: Zeit für Freude, Wärme und Familienmomente. Manche Bräuche sind überall ähnlich. Trotzdem hat jedes Land - und oft sogar jede Region - eigene Weihnachtsrituale. Und wie du wahrscheinlich schon weißt (spätestens nach ein paar Artikeln in unserem Blog): Polen sind echte Traditionsmenschen. Deshalb nehmen wir dich mit zu ein paar Besonderheiten und Bräuchen rund um das polnische Weihnachten.
Timing

Und hier kommt gleich die erste Überraschung: Für viele Polen ist nicht der 25. Dezember der wichtigste Weihnachtstag, sondern der 24. Dezember - Heiligabend! Er heißt Wigilia. Das Wort geht auf das lateinische Verb vigilare zurück, „wachen“ oder „warten“ - ein religiöser Hinweis auf die erwartete Geburt Jesu. Dieser Tag ist das Herz der Feierlichkeiten. Viele arbeiten dann kürzer, und am Abend kommt die Familie zusammen. Dann beginnt - ganz ehrlich - ein kleiner Essensmarathon. Oft heißt es, niemand sollte Weihnachten allein verbringen. Deshalb trifft man in dieser Zeit auch Verwandte, die man lange nicht gesehen hat - inklusive Tanten und Onkel, die garantiert ein paar unangenehme Fragen parat haben…
Baum, leerer Platz, Heu und Oblate
Bevor die Feier richtig losgeht, muss aber erst ein paar Dinge passen. Ganz vorne: der Weihnachtsbaum. Traditionell wird er genau an diesem Tag geschmückt, also an Heiligabend - und zwar von der ganzen Familie. So viel Tradition: Heute schmücken viele Familien den Baum früher, oft schon etwa eine Woche vor Weihnachten.

Wenn das Haus glänzt und festlich geschmückt ist, heißt es: fertig machen. Wichtig zu wissen: Weihnachtspullover sind in Polen kein Brauch. Das macht man hier einfach nicht. Wenn du an Heiligabend bei einer polnischen Familie eingeladen bist, zieh dich lieber elegant an. Auch beim Tischdecken gibt es feste Regeln. Zuerst bleibt ein Platz frei - für einen unerwarteten Gast, der vielleicht anklopft. Im tieferen Sinn ist es auch ein Platz für Familienmitglieder, die nicht mehr bei uns sind, zu denen wir an diesem Tag aber eine besondere Verbindung spüren. Außerdem kommt etwas Heu unter die Tischdecke. Warum? Zur Erinnerung daran, dass Jesus in einem Stall zur Welt kam - auf Heu.

Wenn das erledigt ist, warten alle auf das Zeichen, dass das Fest beginnen kann. Welches Zeichen, fragst du dich? Das ist der Moment, in dem die Kinder am Fenster sitzen, die Nase an der Scheibe, und warten: auf den ersten Stern am Himmel. Er erinnert an den Stern, der die Heiligen Drei Könige nach Bethlehem führte.

Und noch eine letzte Sache: Bevor wir zu essen anfangen, teilen wir opłatek. Das ist eine ungesäuerte Oblate. Jede Person bekommt ein Stück und teilt es mit den anderen - mit Küssen, Umarmungen und guten Wünschen. Auf dem Land gibt es sogar den Brauch, die Oblate auch mit den Tieren zu teilen. Man glaubt, dass sie in genau dieser Nacht sprechen können! Und dann beginnt endlich das Festessen.
Opłatek.
Die 12 Gerichte an Heiligabend in Polen
An Heiligabend in Polen gibt es klare Regeln, was auf den Tisch kommt - und was nicht. Fangen wir mit dem an, was tabu ist (das geht schnell): Fleisch ist an diesem Tag nicht erlaubt. In den Tagen danach gibt es davon dann umso mehr. Und was „muss“ man essen? Traditionell stehen an Heiligabend 12 Gerichte auf dem Tisch, und von jedem sollte man zumindest probieren. Warum ausgerechnet 12? Das kann für Wohlstand stehen, für die 12 Apostel oder für die 12 Monate des Jahres - such dir aus, was dir am plausibelsten erscheint. Welche Gerichte genau dazugehören, hängt von der Region ab. Viele davon werden nur einmal im Jahr gekocht - extra für diesen Anlass. Hier ein paar der häufigsten Beispiele:
- groch/fasola z miodem - Erbsen/Bohnen mit Honig, meist gegessen mit chałka - süßer Challah nach jüdischer Art
- kapusta z grochem und kapusta z grzybami - Kohl mit Erbsen sowie Kohl mit getrockneten Waldpilzen
- śledzie - Hering in verschiedenen Varianten (meist in Öl oder mit Sauerrahm und Zwiebeln)
- karp po żydowsku - Karpfen nach jüdischer Art, ein süßer Karpfen, ein traditionelles Gericht der polnischen Juden, das zu einem der Klassiker am polnischen Heiligabend geworden ist
- pierogi z kapustą i grzybami - Teigtaschen mit Kohl und Waldpilzen
Teigtaschen mit Kohl und Waldpilzen.
- barszcz z uszkami - Roter Borschtsch, eine Rote-Bete-Suppe, serviert mit uszka - kleinen, ohrförmigen Teigtaschen mit Waldpilzfüllung. Barszcz wird mit einer fermentierten Flüssigkeit aus Roter Bete, Salzwasser, Kräutern und Gewürzen zubereitet. Diese Flüssigkeit heißt zakwas und kann auch pur getrunken werden - sie gilt als besonders gesund.
Rote-Bete-Suppe mit kleinen Teigtaschen.
- grzybowa - Suppe aus getrockneten Waldpilzen, meist mit dünnen, quadratischen Nudeln
- karp - gebratener Karpfen, serviert mit Kartoffeln oder Brot; in manchen Familien gibt es auch andere Fischarten, oft Forelle oder Kabeljau
- kompot z suszu - Kompott aus Trockenfrüchten, ein Getränk mit überraschend süßem, rauchigem Aroma
Kompot z suszu - Kompott aus Trockenfrüchten. АннаМариа, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
- kutia/makowiec/piernik/sernik - zum Schluss gibt es etwas Süßes. Was genau auf den Tisch kommt, hängt meist davon ab, aus welcher Region die Familie stammt. Das kann kutia sein - ein traditionelles Gericht mit alten osteuropäischen Wurzeln, aus gekochtem Weizen und Mohn, dazu Rosinen und Mandeln. Es wird in Polen ausschließlich zu Weihnachten zubereitet. Oder makowiec - ein Mohnkuchen aus Hefeteig, mit gekochtem, gemahlenem (meist dreimal) Mohn und weiteren Zutaten. Piernik - Lebkuchen, aber nicht irgendeiner: Die Weihnachtsversion wird schon einige Wochen vorher angesetzt, damit sie durchziehen kann, kurz vor Weihnachten gebacken und mit powidła - Pflaumenmus - geschichtet. Sernik - Käsekuchen ist ebenfalls sehr beliebt.
Kutia - ein süßes Gericht, das in Polen ausschließlich zu Weihnachten zubereitet wird. Aw58, CC BY-SA 4.0 <https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0>, via Wikimedia Commons
Neugierig auf regionale Spezialitäten? In Schlesien zum Beispiel, wo unsere Office-Managerin Gosia herkommt, isst man moczka und siemieniotka. Moczka ist ein süßes Gericht aus Lebkuchen, Mandeln, Rosinen, getrockneten Pflaumen, getrockneten Aprikosen, Birnen, getrockneten Feigen, getrockneten Datteln und Haselnüssen - alles in dunklem Bier eingeweicht. Siemieniotka ist eine Hanfsamensuppe. Dafür kocht man Hanfsamen, trennt sie von den Schalen, mahlt sie zu einer Paste und mischt sie mit Milch und Honig. Und in Zosias Zuhause in Podlachien (Nordostpolen) gibt es eine besondere Art von Krapfen: nicht süß, sondern säuerlich - gefüllt mit Kohl und Pilzen.
Über regionale Gerichte könnten wir noch ewig weiterschreiben, aber belassen wir es dabei. Wenn du dich generell für traditionelle polnische Küche interessierst, findest du hier mehr zum Weiterlesen. Und hier findest du Gerichte, die wir zu Ostern zubereiten.
Geschenke, Lieder und Aberglaube
Wenn alles aufgegessen ist, dürfen die Kinder endlich unter den Weihnachtsbaum schauen und nach den Geschenken suchen. Die liegen meist irgendwann wie durch ein Wunder während des Abendessens darunter. Ich weiß: Es ist eine echte Geduldsprobe, Kinder dazu zu bringen, all das oben Beschriebene zu essen, während sie die Geschenke schon vor Augen haben. Aber so ist es nun mal - Tradition ist Tradition. Und ja: Polnische Kinder bekommen ihre Geschenke am Heiligabend, nicht am ersten Weihnachtstag! Doch damit nicht genug. Sie kommen nicht vom Weihnachtsmann! Und in der Weihnachtszeit gibt es sogar zweimal Geschenke. Mehr dazu, wann und wer in Polen die Geschenke bringt, liest du hier.

Während die Geschenke ausgepackt werden und alle schon gut satt sind (kurz vorm Platzen), geht’s los mit dem Singen von Weihnachtsliedern. Diese Tradition ist in Polen sehr stark und uralt - einige polnische Weihnachtslieder stammen noch aus dem späten Mittelalter! Es gab sogar eine Zeit, da galt das Weihnachtslied aus dem 18. Jahrhundert „Bóg się rodzi“ (Gott wird geboren) als Kandidat für die polnische Nationalhymne!
Das Singen kann sich ganz schön ziehen. Vor allem bei uns zu Hause in Podhale: Da singen wir nicht nur die bekannten Weihnachtslieder, sondern auch die regionalen pastorałki - Volkslieder mit Weihnachtsbezug, gesungen in der Podhale-typischen gwara, dem Dialekt der Goralen.
Du hast sicher schon gemerkt, dass Weihnachten in Polen ein Traumfest für Vegetarier und Pescetarier ist 🙂 Fisch soll außerdem Glück bringen. Vielleicht nicht der Fisch selbst, aber ganz bestimmt die Karpfenschuppen! Meine Mutter hebt sie immer für alle Familienmitglieder auf, damit jeder sie ins Portemonnaie steckt - so soll es im nächsten Jahr finanziell gut laufen. Und noch etwas, vielleicht ein bisschen eklig, zum Karpfen: Heute passiert das nicht mehr so oft, aber als ich klein war, schwamm der Karpfen ein oder zwei Tage vor Heiligabend bei uns in der Badewanne. Und dann, kurz vor dem Abendessen… hat mein Vater (wie viele Väter in Polen) ihn selbst getötet! Ziemlich grausig, ich weiß. Aber Karpfen schmeckt eben am besten, wenn er ganz frisch ist…
Es gibt noch einen Aberglauben rund um Heiligabend: So wie Heiligabend läuft, so wird das ganze Jahr. Deshalb versuchen alle, den ganzen Tag über besonders nett zueinander zu sein. Ganz schön anstrengend, sag ich dir!
Mitternachtsmesse, Ziegen und geheimnisvolle Briefe
Viele machen an diesem Abend noch eine letzte Sache: Sie gehen zur Mitternachtsmesse, der pasterka. Der Name lässt sich als Hirtenmesse übersetzen. Sie erinnert an die einfachen Leute - die Hirten, die das neugeborene Jesuskind als Erste besuchten.
Am Morgen nach Heiligabend wacht man oft mit schwerem Kopf und vollem Magen auf - und merkt dann: Das war erst der Anfang. Die nächsten zwei Tage sind ein Marathon aus Essen, Singen, Ausruhen, Verdauen und Familienbesuchen.
Auf dem Land sind Gruppen von Sternsingern immer noch sehr beliebt. Wundere dich also nicht, wenn eine Truppe (meist) Jugendlicher bei dir vorbeischaut - verkleidet als Ziege, turoń - ein gehörntes, schwarzes, zotteliges Tier mit schnappendem Maul, gwiazdor - ein Sternmann mit einem Stern auf einem Stab, dazu Teufel, Engel und die Heiligen Drei Könige. Sie singen und erwarten dafür Geld. Sing ruhig mit!
Turoń - eine der Figuren im Umzug der Sternsinger. Aus der Ausstellung des Ethnografischen Museums in Kraków. ImreKiss Łukasz S. Olszewski, CC BY 3.0 <https://creativecommons.org/licenses/by/3.0>, via Wikimedia Commons
Sternsinger mit einem turoń auf einer polnischen Postkarte von 1937.
In den nächsten Tagen kommt der Pfarrer bei euch vorbei - zur kolęda. Das ist so etwas wie ein nachbarschaftlicher Hausbesuch. Er fragt, wie es euch geht, was euch beschäftigt und was euch freut. Dabei schreiben viele Menschen (oder der Pfarrer) auch drei rätselhafte Buchstaben plus die aktuelle Jahreszahl an die Tür: „K+M+B“ oder „C+M+B“. Was bedeutet das? Einer verbreiteten Erklärung nach sind es die Anfangsbuchstaben der drei Könige, die Jesus besuchten: Kaspar (Caspar), Melchior und Balthazar. Andere sagen, es stehe für das alte Latein Christus mansionem benedicat - Christus segne dieses Haus. Entscheidet selbst, was euch plausibler klingt. In den letzten Jahren sieht man das allerdings immer seltener - vor allem in größeren Städten. Dort leben viele Menschen säkularer und möchten keinen Pfarrer in der Wohnung empfangen, zu dem sie kaum Bezug haben. In kleineren Städten und Dörfern ist es dagegen oft noch sehr verbreitet, weil die Menschen enger miteinander leben. Dort bewirtet man den Pfarrer meist mit Kaffee, Kuchen und manchmal sogar mit einem ganzen Abendessen!
Fühlst du dich jetzt wie ein Profi? Zu Recht. Überrasche deine polnischen Freundinnen und Freunde damit, wie viel du über polnische Weihnachtstraditionen weißt! Und: Frohe Weihnachten! Oder wie man in Polen sagt: Wesołych Świąt!
Deine
Gosia
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